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Die Kraft einer geheimnisvollen Sprache

07.12.2018 - Gastbeitrag von Ingrid Thoms-Hoffmann über den aktuell erschienenen Band "Djiparmissa" mit Gedichtübersetzungen deutscher Klassiker in Romanes von Reinhold Lagrene und die anlässliche Lesung am 20. November im Dokumentationszentrum mit Ilona Lagrene

Porajmos ist das Wort, das alle Trauer in sich bündelt, das die Tränen niemals trocknen, das Entsetzen niemals auslöschen kann, eingebrannt in das Bewusstsein der Generationen. Porajmos heißt „das Verschlingen“ in Romanes und bezeichnet den Völkermord der Nationalsozialisten an den europäischen Sinti und Roma. Aber anders als das hebräische Wort Shoah (Zerstörung, Katastrophe) ist es nicht in den aktiven Sprachschatz der Deutschen eingegangen. Das mag verschiedene Gründe haben. Einer ist sicher, dass das Romanes eine Sprache ist, die verstärkt erst Ende des 20. Jahrhunderts verschriftlicht wurde. Umso höher ist die Arbeit derer einzuschätzen, die sich für diese uns so fremde Sprache stark machen. Der Mannheimer Reinhold Lagrene war so einer. Als der Tod ihn vor zwei Jahren im Alter von 66 Jahren überraschte, da saß er an einem Lyrikband, der den deutschen Klassikern die Stimme des Romanes geben sollte. Seine enge Mitarbeiterin und Ehefrau Ilona Lagrene las jetzt aus der liebevoll herausgegebenen Anthologie des Heidelberger Wunderhorn- Verlags vor.

Me djom an o wesch/Kjake mange koti/Tschi de rodel/Hiss miri Godi – kaum einer wird darin Goethes Gedicht „Gefunden“ entdecken. Da heißt es: Ich ging im Walde/So für mich hin/ Und nichts zu suchen/ Das war mein Sinn. Etwa 60 Prozent der Minderheit sprechen Romanes, 80 Prozent verstehen die jahrtausend alte Sprache, die aus der altindischen Hochsprache Sanskrit hervorging. Weitergegeben wurde sie mündlich in den Familien. Reinhold Lagrene hatte in den letzten Jahrzehnten großen Anteil daran, dass Teile der Sinti-Erzählkultur verschriftlicht wurden. Für ihn war die mündliche Überlieferung auf Dauer nicht tragfähig.

Das sieht auch Daniel Strauß so. Der Vorstandsvorsitzende des Landesverbands Baden-Württemberg der Sinti und Roma, sagte am Rande der Lesung im Heidelberger Dokumentationszentrum, dass dennoch eine Verschriftlichung nicht unumstritten sei. Gerade in Deutschland gab und gibt es Vorbehalte von Sinti und Roma, ihre Sprache mit anderen zu teilen, denn während der Zeit des Nationalsozialismus hatten auch Rassenforscher Romanes gelernt, um die Familien besser aushorchen zu können. Das Misstrauen gegenüber der Wissenschaft, etwas über sich und ihre Gruppen preiszugeben, sei deshalb sehr groß.

Alle, die Romanes beherrschen sind zweisprachig, da sie immer auch die jeweilige Landessprache sprechen. Auf jedem Kontinent wird Romanes gesprochen – nur nicht in der Antarktis und im eigentlichen Ursprungsland der Sprache, in Indien.

Für Romani Rose, den Vorsitzender des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, zeigt die Übersetzung der Lyrik der deutschen Dichtergrößen wie Goethe, Rilke, Eichendorff, Hölderlin, Nietzsche oder auch Trakl, dass „unsere Minderheit eine Sprache besitzt, mit deren Ausdruckskraft wir die kulturelle Überlieferung zu erweiteren und zu bereichern vermögen“. So schreibt er in seinem Vorwort für den Poesieband, wo deutsch und romanes einträchtig nebeneinander stehen. Und wo auch der Übersetzer selbst, Reinhold Lagrene, mit eigenen Gedichten sich ein Andenken setzt.

Der Beitrag erschien ursprünglich am 29. November 2018 in der Rhein-Neckar-Zeitung.

Info: Djiparmissa - Klassische deutsche Gedichte auf Romanes
zweisprachig Romanes-Deutsch
160 Seiten, gebunden , 19.80 Euro 
| ISBN: 978-3-88423-590-4
Erhältlich auch über das Dokumentations- und Kulturzentrum

Bildbeschreibung im Kopfbereich: Buch von Reinhold Lagrene "Djiparmissa" mit Gedichtübersetzungen deutscher Klassiker in Romanes; Foto: Dokumenationszentrum Deutscher Sinti und Roma

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