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Vello Pettai: Der neue ECMI-Chef ist ein US-Amerikaner mit estnischen Wurzeln

24.03.2020

Interview mit Antje Walther in der SHZ vom 8.3.2020

Prof. Vello Pettai war während der letzten sechs Monate häufig an der Förde, aber bei weitem nicht zum ersten Mal. Der gebürtige US-Amerikaner estnischer Herkunft leitet seit dem 1. März 2020 das European Centre for Minority Issues (ECMI), das im Kompagnietor in Flensburg sitzt. Pettai folgt auf die Dänin Tove Malloy, die Ende 2019 als Dozentin an die Europa-Universität wechselte. Pettai wurde 1968 in den USA geboren; seine Eltern waren aus Estland 1944 geflohen. Pettai ging Anfang der 90er Jahre zurück in die Heimat seiner Eltern.

Der Politikwissenschaftler wurde Professor an der renommierten Universität Tartu und war Gastdozent des DAAD in Lüneburg und Jena. Wie seine Herkunft seine Sicht auf Minderheitenfragen prägt und was das Jahr 2020 für das ECMI bereithält, erzählte er im Interview mit Redakteurin Antje Walther der SHZ: https://www.shz.de/lokales/flensburger-tageblatt/vello-pettai-der-neue-ecmi-chef-ist-ein-us-amerikaner-mit-estnischen-wurzeln-id27627002.html.

Auszüge aus dem Interview:

Prof. Pettai, Sie sind seit dem 1. März offiziell der neue Leiter des ECMI. Wie ist Ihr erster Eindruck vom Haus, von der Stadt, von der Arbeit?
Vello Pettai: Sehr positiv. Ich kenne alles schon ein bisschen, weil ich bereits vor 20 Jahren als Gast bei verschiedenen Seminaren und Veranstaltungen des ECMI teilnahm. Ich war damals Berater des estnischen Präsidenten in Bezug auf Minderheitenfragen. 1998 kam ich zum ersten Mal hierher – zehn Jahre später für die erste Sitzung des Beirats des Minderheitenzentrums – und jetzt als Direktor. Ich bin sehr froh, dass ich meinen Beitrag zu der wertvollen Arbeit des Instituts leisten kann. Über die Stadt kann ich auch nur Positives sagen. Ich fahre mit dem Fahrrad zur Arbeit die Nordstraße herunter und schon der Blick auf den Hafen morgens, ist bereits ein toller Start in den Tag.

Erklärt die Vorgeschichte, warum Sie sich für diese Position interessiert haben? Oder was war der Auslöser, weshalb Sie gesagt haben: Ich möchte dieses Haus leiten.
Die Themen und die Ziele des Zentrums. Weil ich bereits Ende der 90er und Anfang 2010 hier war, konnte ich viele Thematiken mitverfolgen. Einige davon haben sich leider nicht so positiv entwickelt. Wir befinden uns gerade in einer Zeit, in der Minderheiten mit vielen Problematiken konfrontiert sind:  Populismus, Radikalismus und Fremdenfeindlichkeit- die Palette ist breit. Deshalb ist die Arbeit unseres Zentrums wichtiger denn je. Wichtige Meilensteine für Minderheiten müssen auch 2020 noch verteidigt werden.

Haben Sie konkrete Projekte im Blick?
Wir möchten uns in der Region noch stärker zeigen. Verschiedene unserer Veranstaltungen in diesem Jahr knüpfen an das 100-jährige Grenzjubiläum der Region an.  Mit der Vortragsreihe ”Krieg und Frieden – 100 Jahre neue Grenzen in Europa” auf Schloss Schackenborg anlässlich des 100. Jahrestages der deutsch-dänischen Grenze in 2020 sind wir schon gut in dieses besondere Jahr gestartet. Zwei Veranstaltungen haben bereits 2019 stattgefunden: Die Auftaktveranstaltung wurde am 25. April 2019 zum Thema Südtirol abgehalten, gefolgt von einer zweiten Veranstaltung zum Thema Ungarn am 07. November 2019. Am 19. März 2020 findet die Hauptkonferenz statt. Die Veranstaltungsreihe organisiert das ECMI gemeinsam mit der Stiftung Schackenborg und der dänischen Gesellschaft für Außenpolitik in Kopenhagen (Det Udenrigspolitiske Selskab, DUS).

Später im Juni haben wir eine intenationale Minderheitenkonferenz zusammen mit der dänischen Zentralbibliothek. Die Konferenz findet anlässlich des 100-jährigen Jubiläums der Grenzziehung zwischen Dänemark und Deutschland – und der damit verbundenen Plebiszite in der heutigen Grenzregion statt. Die Konferenz wird am 18. und 19 Juni 2020 in Flensburg stattfinden und auch die diesjährige Summer School des ECMI wird auf das Grenzjubiläum der Region eingehen und die Volksabstimmung von 1920 mit anderen Plebisziten vergleichen.

Die Volksabstimmung in der Region – das ist natürlich das große Thema überall. Wenn man sich näher mit dem Thema auseinandersetzt, kann man viel daraus lernen.

(...)

Sie haben vorhin kurz angedeutet, dass dieses Jahr 2020 ein besonderes ist, gerade für Flensburg als Grenzstadt. Dem ECMI hat man immer mal vorgeworfen, dass viele Flensburger es gar nicht kennen. Deshalb wäre dieses Jahr ein guter Anlass, das ECMI mehr zu öffnen für die Stadt. Wollen Sie das ECMI sichtbarer machen im Jubiläumsjahr?
Unsere Veranstaltungen sind immer für alle geöffnet, auch unsere Bibliothek. Wir arbeiten auf Englisch und viele Veranstaltungen sind auf Englisch. Trotzdem: Wir sind da, und alles, was wir machen, machen wir für alle, die hier wohnen und sich für Minderheiten interessieren. Die Feierlichkeiten zur Volksabstimmung und die Ereignisse von 1920 geben uns natürlich auch die Möglichkeit an externen Veranstaltungen teilzunehmen. Ganz konkret sind wir Kompetenzressort, wie ganz aktuell beim Thema zweisprachige Ortsschilder in Nordschleswig. Wir sind da, um Informationen zu liefern, auch zu aktuellen Minderheitenthematiken aus der Region. Unsere Aufgaben sind Forschung und politikbezogene Projekte im Ausland. Wir haben schon andere europäische Länder angesprochen. Für mich persönlich ist die Ukraine ein sehr wichtiges Land. Da gibt es viele Konflikte, was Minderheiten betrifft. Wir haben viele Jahre Erfahrung in der Ukraine. Gleichzeitig ist Moldova für unsere Arbeit interessant. In der Ukraine haben wir ein Partner-Team und auch im Kosovo.

Hintergrund zur Person
Vello Pettai ist seit 2005 Professor für Comparative Politics/Vergleichende Politikwissenschaften an der Universität Tartu. Seine Forschung ist in einer Reihe internationaler akademischer Zeitschriften erschienen, darunter Nations and Nationalism, East European Politics and Societies und Nationalities Papers. Außerdem hat er fünf Bücher veröffentlicht, zuletzt als Mitautor der Monografie Transitional and Retrospective Justice in the Baltic States (Cambridge University Press, 2015).

Von 1997 bis 1999 war Vello Pettai Vorsitzender und Vertreter des Präsidenten Estlands am Runden Tisch der nationalen Minderheiten des Landes, wo er eine Reihe von Initiativen zur Einhaltung des Rahmenübereinkommens zum Schutz nationaler Minderheiten des Europarates durch Estland sowie zum Problem staatenloser Kinder leitete. Im Anschluss an diese politische Arbeit war Pettai weiterhin als Experte für die Integration von Minderheiten tätig und gab Kurse über Ethnopolitik.

An der Universität Tartu war er zweimal als Leiter seiner Abteilung tätig, wobei er eine umfassende Internationalisierung sowohl des Personals als auch der Forschungsfinanzierung und der akademischen Aktivitäten überwachte. Pettai war auch stellvertretender Vorsitzender des Exekutivkomitees des Europäischen Konsortiums für Politikforschung (Executive Committee of the European Consortium for Political Research) und Vorsitzender des Hohen Rates des Europäischen Hochschulinstituts (High Council of the European University Institute). Er promovierte in Politikwissenschaften an der Columbia University (USA) und war zwei Jahre als DAAD-Gastprofessor an der Leuphana Universität Lüneburg tätig.

Prof. Dr. Vello Pettai spricht sechs Sprachen, darunter Deutsch, Französisch, Russisch, Estnisch und Lettisch.

Quellen: https://www.shz.de/27627002 ©2020; www.ecmi.de

Prof. Dr. Vello Pettai, Direktor des ECMI seit 1.3.2020; Foto: ECMI
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