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Zentralrat Deutscher Sinti und Roma auf der Frankfurter Buchmesse

04.10.2019 - Erstmals wird auf der Frankfurter Buchmesse vom 16. bis 20. Oktober 2019 der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma gemeinsam mit dem Dokumentations- und Kulturzentrum mit einem eigenen Stand vertreten sein. Präsentiert wird deutsche und europäische Literatur von Sinti und Roma.

Am Stand des Zentralrats in Halle 3 (3.1 B53) werden europäische Autoren der Sinti und Roma auftreten, zusätzlich findet eine Podiumsdiskussion im Rahmen des Buchmesse-Formats „Weltempfang“ statt. An zwei externen Orten veranstaltet der Zentralrat zusammen mit dem Förderverein Roma e.V.  Autorenlesungen.

Unter den Autoren am Stand wird auch Jovan Nikolić sein, ein in Deutschland lebender Roma-Schriftsteller. Jovan Nikolić wuchs in einer serbischen Romasiedlung auf und flüchtete 1999 vor den Nato-Bombardements nach Deutschland. Er hat mehrere Lyrik- und Prosabände veröffentlicht, z.B. „Zimmer mit Rad“ (2004), „Weißer Rabe, schwarzes Lamm“ (2006) und „Käfig“ (2009). Sein Debütroman „Seelenfänger, lautlos lärmend“ erschien 2011. Neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit engagiert er sich auch (kultur)politisch. So hat er für den Kölner Rom e.V. die „Roma Kulturkarawane“ initiiert und dort u.a. Seminare zur Kultur und Geschichte der Roma angeboten. Seit 2002 ist er außerdem Vizepräsident des in Helsinki ansässigen Internationalen Romani Schriftstellerverbandes (IRWA).

Der Berliner Sinto Janko Lauenberger und die Münchner Journalistin Juliane von Wedemeyer, die zusammen das Buch „Ede und Unku – die wahre Geschichte“ geschrieben haben, werden auch am Stand auf der Buchmesse vertreten sein. Ihre Lesung wird in Zusammenarbeit mit dem Förderverein Roma e.V. am 19. Oktober stattfinden.

Janko Lauenberger ist erfolgreicher Musiker und Mitglied der Gruppe „Sinti-Swing-Berlin“. Er wuchs im Ost-Berliner Stadtteil Lichtenberg auf und hat sich, zusammen mit der Ko-Autorin, auf Spurensuche begeben, um das Schicksal seiner Verwandten zu rekonstruieren. Denn Ede und Unku haben wirklich gelebt. Unku, ihr dt. Name war Erna Lauenburger, ist die Urgroßcousine von Janko Lauenberger und wurde 1944 in Auschwitz von den Nazis ermordet – mit ihr ein Großteil der Familie. Zu den wenigen Überlebenden gehörte Helene Ansin – die Großmutter von Janko Lauenberger. „Unku“ ist vielen Ostdeutschen ein Begriff, denn das Buch „Ede und Unku“ ist ein Jugendroman, den die kommunistische Schriftstellerin Grete Weißkopf 1933 verfasst hat und der in der DDR Pflichtlektüre in der Polytechnischen Oberschule war. Doch heute findet sich das Buch in keinem Lehrplan mehr, und auch das Schicksal von Unku und ihrer Familie ist fast gänzlich in Vergessenheit geraten. Das Buch von Janko Lauenberger und Juliane von Wedemeyer ist nicht nur die Geschichte einer deutschen Sinti-Familie, sondern auch ein Buch gegen das Vergessen.

Schließlich hat Nizaqete Bislimi zugesagt, ihr Buch „Durch die Wand – von der Asylbewerberin zur Rechtsanwältin“ am Stand zu präsentieren. Ihr Werdegang ist mehr als ungewöhnlich. Nizaqete Bislimi, die im Kovoso geboren wurde,  kam mit 14 Jahren als Flüchtling nach Deutschland – das war 1993. Die folgenden Jahre lebte sie mit ihrer Familie in Flüchtlingsunterkünften; sie waren lediglich geduldet und konnten jederzeit abgeschoben werden. Doch sie hat es geschafft: Sie legte das Abitur ab, studierte Jura und wird als Anwältin zugelassen. Mittlerweile ist sie auf Ausländer- und Asylrecht spezialisiert und arbeitet in der Kanzlei, die sie einst in ihrem eigenen Asylverfahren unterstützt hat. In ihrem Buch beschreibt sie ihre Jahre im Flüchtlingsheim und welche Hindernisse sie immer wieder überwinden musste, um in Deutschland einen gesicherten Status zu erhalten. Heute ist sie auch Vorsitzende des „Bundes Roma Verbandes e.V.“ und setzt sich für die Roma und ihre Rechte ein. 

Der niederländische Holocaust-Überlebende Zoni Weisz wird am 20. Oktober aus seinem Buch „Der vergessene Holocaust“ lesen und über seine Kindheitserfahrungen und Überlebensstrategien in der Nazi-Zeit berichten. Zoni Weisz wurde 1937 als Sinto geboren und verbrachte seine Kindheit in Zutphen, wo sein Vater – ein angesehener Musiker und Instrumentenbauer – ein Musikgeschäft betrieb. Doch im Mai 1944 begannen die Nationalsozialisten in den besetzten Niederlanden Sinti und Roma zu verhaften und zu deportieren. Dem damals siebenjährigen Zoni Weisz gelang mit Hilfe eines im Widerstand aktiven Polizisten die Flucht, während seine Eltern und Geschwister nach Auschwitz deportiert und ermordet wurden. Nach dem Krieg hat sich Zoni Weisz am Königlichen Hof zum Floristen ausbilden lassen und übernahm 1958 ein Blumengeschäft, das er zu einem international erfolgreichen Unternehmen ausbaute. Doch er machte sich nicht nur in der Blumenindustrie einen Namen. Seit Jahrzehnten setzt er sich unermüdlich dafür ein, dass der Opfer des Nationalsozialismus gedacht wird und dass insbesondere die Rechte der Sinti und Roma Anerkennung finden. Am 27. Januar 2011 durfte er anlässlich des Gedenktags an die Opfer des Nationalsozialismus als erster Sinto vor dem Deutschen Bundestag sprechen und schilderte damals mit bewegenden Worten seine Erfahrungen.

In Kooperation mit der International Romani Writers‘ Association wird am 19. Oktober eine Podiumsdiskussion im „Weltempfang“ stattfinden. Die Literaturwissenschaftlerin Dr. Beate Eder-Jordan, die Leiterin des Drava-Verlags Erika Hornbogner und der Roma-Schriftsteller Ruždija Sejdović werden über „Die Literatur von Sinti und Roma – in Deutschland und in der Welt“ diskutieren.

Beate Eder-Jordan ist als Universitätsassistentin für Vergleichende Literaturwissenschaft an der Leopold-Franzens-Universität in Innsbruck und befasst sich seit ihrem Studium mit der vielfältigen Literatur und Kultur der Sinti und Roma. In ihrem 1993 erschienenen Buch „Geboren bin ich vor Jahrtausenden… Bilderwelten in der Literatur der Roma und Sinti“ untersucht sie Ähnlichkeiten und Unterschiede in der Literatur von Roma-Autoren verschiedener Länder. Eder-Jordan gehört heute zu den wenigen Experten auf dem Gebiet der internationalen Roma-Literatur und hat zu dieser Thematik bereits zahlreiche Konferenzen und Lesungen organisiert sowie Vorträge gehalten.  

Erika Hornbogner leitet seit 2016 den in Klagenfurt ansässigen Drava-Verlag, der sich seit fast 35 Jahren als Schnittpunkt von Sprachen und Kulturen versteht und v.a. viele Bücher in der Originalsprache veröffentlicht, darunter auch Roma-Märchen sowie literarische Werke von Roma-Autoren wie Ilija Jovanović, Mišo Nikolić, Mariella Mehr oder Jovan Nikolić. Im Verlagsprogramm finden sich aber auch (populär-)wissenschaftliche Werke zu den Themenbereichen Migration, Minderheiten und Mehrsprachigkeit in Österreich, Slowenien und anderswo. Außerdem gibt der Verlag sog. Bücher gegen das Vergessen heraus. Das sind Bücher, in denen Kärntner SlowenInnen ihre Erinnerungen an die traumatische Zeit der NS-Verfolgung und des Widerstandes dagegen zu Papier gebracht haben.

Ein weiterer Podiumsteilnehmer ist Ruždija Sejdović. Der 1966 in Montenegro geborene Roma ist Schriftsteller, Dramaturg und Übersetzer. Sein erster Gedichtband erschien 1988 auf Romanes und Serbokroatisch. 1989 kam er nach Deutschland und ist seitdem im Rom e.V. Köln aktiv, für den er eine Bibliothek aufgebaut hat. Zusammen mit Jovan Nikolić hat er ein vielbeachtetes Theaterstück verfasst: »Kosovo mon amour«. Die Tragikomödie handelt vom Schicksal einer Roma-Familie, die 1999 aus dem Kosovo nach Westeuropa flüchten will. Das Stück wurde in Mülheim an der Ruhr uraufgeführt und bereits in verschiedene Sprachen übersetzt.

Quelle: Pressemitteilung des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma

hoodbil: Foto: Zentralrat Deutscher Sinti und Roma

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