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Gefahr für die Minderheit: Katastrophale Noten für Sorbisch-Unterricht

08.01.2019 - Eine Studie zeigt erschreckende Lücken beim Vermitteln und Erlernen der sorbisch/wendischen Sprache.
Ein Artikel von Andrea Hilscher, Lausitzer Rundschau vom 20. Dezember 2018

Irgendwie hatten sie es schon geahnt. Doch als die Ergebnisse einer Evaluation des Sprachunterrichts für Sorben/Wenden in Brandenburg schwarz auf weiß auf dem Tisch lagen, waren selbst die Macher der Studie erschrocken: Bei Lehrern wie bei Schülern tun sich eklatante Lücken auf. Lesen, aktive Nutzung der Sprache, Verständnis – in weiten Teilen der Schülerschaft eher mangelhaft.

Prof. Eduard Werner, Direktor des Institutes für Sorabistik in Leipzig, hat sich intensiv mit den Inhalten der Evaluation auseinandergesetzt. „Momentan fühlen sich leider alle auf den Schlips getreten, weil wir auf Wunsch des Bildungsministeriums nicht sagen dürfen, an welchen Schulen wir eher gute oder besonders schlechte Ergebnisse erzielt haben.“ Besonders gute Ergebnisse habe es nicht gegeben.

Die Evaluation basiert auf Untersuchungen von mehr als 20 Schulen in Brandenburg. Im Herbst 2015 und im Sommer 2017 wurden 38 Lehrer und 250 Schüler aus den Jahrgangsstufen vier und sechs geprüft.

„Vorweg müssen wir betonen, dass es tatsächlich viele engagierte Lehrer gibt, die das Beste für die Kinder wollen“, so Werner. Es gebe aber auch Pädagogen, die „in deutlich ruhigerem Fahrwasser schwimmen“. Der überwiegende Teil der Lehrkräfte ist bereits älter, das Studium aus der Vorwendezeit liegt lange zurück. Zudem, so Werner, seien die Lehrkräfte keine Muttersprachler.

Trotzdem erschreckend: Bei vielen Pädagogen zeigen sich deutliche Mängel in der Aussprache und im aktiven Umgang mit dem Sorbischen/Wendischen. In der Studie ist von Lehrkräften die Rede, die auf Fragen zumeist lieber in Deutsch als in Sorbisch geantwortet haben. Die Sprache der Minderheit wird außerhalb des Unterrichts an den Schulen kaum genutzt, nur hin und wieder sind sorbische/wendische Grußformeln zu hören. Lehrmaterialien sind veraltet oder waren an manchen Schulen nicht mal ausgepackt. An einigen Schulen gibt es keinen Internetanschluss und keine Möglichkeiten, an außerschulischen Aktivitäten der Sorben/Wenden teilzunehmen. Viele der Schulen kämpfen zudem mit Stundenausfällen, eine sogar mit bis zu 25 Prozent Ausfallquote.

„Die Lehrer empfinden sich als Einzelkämpfer, sind teilweise entmutigt“, sagt Eduard Werner. Trotzdem könne er nicht akzeptieren, dass ein Sprachlehrer zehn oder zwölf Jahre unterrichtet, ohne dass er die Sprache selbst korrekt anwenden kann. „Natürlich hat es ein Sorbischlehrer schwerer als ein Kollege im Englischunterricht. Der kann einfach nach England fahren und dort live erleben, wie die Sprache genutzt wird.“ Für die sorbischen/wendischen Lehrkräfte ist Fortbildung ungleich schwieriger. „Und es fehlt, wie bei den Schülern, an Gelegenheiten, auch außerhalb des Unterrichts Sorbisch/Wendisch zu kommunizieren.“ Die Gelegenheiten, die es gibt, bleiben zumeist ungenutzt.

Bei den schlechten Ergebnissen der Lehrer überraschen die mangelhaften Fähigkeiten der Schüler kaum. Auch hier gibt es dramatische Lücken im Leseverständnis und im aktiven Umgang mit der Sprache. „Mir ist zwar schleierhaft, wie das passieren kann – aber die Kinder in der sechsten Klasse haben teilweise einen schlechteren Wissensstand als im Kindergarten.“

Für sorbische Eltern ist das Ergebnis der Studie ein Schock. Kathleen Komolka setzt sich seit Langem für den Erhalt ihrer Sprache ein. „Es ist verheerend, wenn Kinder der sechsten Klasse teilweise schlechter sprechen als im Kindergarten.“ Vielleicht sei es an der Zeit, alles über Bord zu werfen und den Sorbischunterricht ganz neu zu denken. „Mit einer Modellschule, an der die Arbeit wissenschaftlich begleitet wird.“

Auch Werner fordert ein rasches Umdenken aller Beteiligten. Wichtig sei es, Mut zur Wahrheit zu haben. „Es bringt nichts, wenn wir mit geschönten Zahlen operieren und von 16 000 Menschen ausgehen, die aktiv Niedersorbisch sprechen“, sagt er. „Realistisch sind Zahlen von einigen Hundert.“ Hochrechnungen zufolge sei man in den 1990er-Jahren von 8000 Angehörigen der niedersorbischen Sprachgemeinschaft ausgegangen. „Aber die waren damals schon fast alle über 70, und inzwischen sind mehr als 20 Jahre vergangen.“ Für das Obersorbische sieht die Situation seiner Einschätzung nach nicht viel besser aus. Zudem seien gerade ältere Menschen in der Niederlausitz noch immer sehr zurückhaltend, wenn es darum geht, in der Öffentlichkeit zu sprechen. „Kein Wunder, wenn ,wend‘sch noch immer als Schimpfwort gilt“, sagt der Sorabist.

Die Autoren der Studie empfehlen folgende Maßnahmen:
Es muss eine einheitliche Konzeption für den bilingualen Unterricht erarbeitet werden. „Wenn ich in Sachkunde über Fahrräder spreche, muss ich als Lehrer nicht vorher mühsam irgendwelche Fachtermini übersetzen. Aber ich muss in der Lage sein, flüssig auf Sorbisch über Fahrräder zu sprechen“, so der Wissenschaftler. Im Siedlungsgebiet sollte man darüber nachdenken, den Sorbisch/Wendischunterricht an Grundschulen verpflichtend zu gestalten. Lehrkräfte müssen Gelegenheit zur regelmäßigen Fortbildung bekommen, diese muss als Arbeitszeit gelten.

Ausreichende Vertretungsstunden, kein Pendeln zwischen mehreren Schulen.

Wichtig: Den Lehrkräften muss bewusst werden, dass sie für die Revitalisierung der Sprache verantwortlich sind. „Es kann nicht sein, dass die Lehrer selbst keinen großen Wert darauf legen, dass sie selbst und ihre Schüler ordentlich sprechen können“, sagt Eduard Werner.

Er selbst ist übrigens ein lebendiges Beispiel dafür, dass ein Leben auf Sorbisch auch außerhalb des Sprachgebiets möglich ist. Im Rheinland aufgewachsen. lebt er inzwischen in Leipzig. Seine Frau stammt aus Litauen. „Unsere Kinder werden zweisprachig erzogen. Sorbisch und Litauisch.“

Artikel von Andrea Hilscher, Lausitzer Rundschau vom 20. Dezember 2018 

titulny wobraz: Der Unterricht der sorbischen/wendischen Sprache in der Niederlausitz ist offenbar wenig effektiv; Foto (Lausitzer Rundschau): M. Behnke

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