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Muttersprache Platt in der Pflege war Thema zur Tagung "Plattdüütsch in de Pleeg" in Wittstock

07.05.2019 - „Weetst du noch ...?“ – Die Berücksichtigung der Muttersprache im Pflegebereich ist in den letzten Jahren zu einem immer wichtigeren Thema geworden. Deshalb luden der Bundesraat för Nedderdüütsch und der Verein für Niederdeutsch in Brandenburg e.V. letzte Woche zur Tagung „Plattdüütsch in de Pleeg“ nach Wittstock in Brandenburg ein.

Denn die Ansprache in der Sprache der Kindheit kann helfen Ängste zu mindern, Trauer zu bewältigen und Trost zu finden. Eine besondere Bedeutung spielt dieses Thema bei Menschen, die an Demenz erkrankt sind: Auch wenn Erinnerungen verloren gehen, bleibt die Muttersprache erhalten und kann ein Schlüssel sein, um Erinnerungen zu aktivieren.

Demenz, ein Thema in unserer Gesellschaft, dem auch mit Plattdeutsch begegnet werden kann – so der Ausgangspunkt der Tagung. Die Muddersproak/Muttersprache ist für viele Norddeutsche die Sprache, die Menschen mit Gedächtnisverlusten am längsten bleibt. Platt kann eine wichtige Erinnerungsbrücke sein, die Vertrauen schafft, Wertschätzung und Verständnis zeigt. Mit vielen Erfahrungen waren am 3. Mai im Wittstocker Rathaus Altenpfleger, Ausbilder und Politiker zur Tagung "Platt in de Pleeg" aus Niedersachsen, Hamburg, Schleswig-Holstein, Mecklenburg/Vorpommern, Sachsen/Anhalt und natürlich Märker in die Dossestadt gereist. Auch das Minderheitensekretariat sowie VertreterInnen der Lausitzer Sorben nahmen mit großem Interesse an der Veranstaltung teil. Denn das Thema spielt ebenfalls eine Rolle hinsichtlich der Verwendung der Minderheitensprachen in der Pflege wie Dänisch, Ober- oder Niedersorbisch, Nord- oder auch Saterfriesisch.

Die Niedersachsen – so Heinrich Siefer vom Bundesraat för Nedderdeutsch – arbeiten bereits seit mehr als 10 Jahren mit Platt in der Pflege und gaben den Anstoß im Bundesraat für die erste Pflegebroschüre „Respekt für mich…“. Inzwischen gibt es fast in allen Niederdeutsch-Ländern spezielle Pflege-Wörterbücher up Platt. In Brandenburg entstand 2017 in Wittstock das Sprachset „Platt helpt“. Im Oldenburgischen ist Platt sogar Teil der Ausbildung von Altenpflegern an der Berufsbildenden Schule Wildeshausen geworden, erzählte engagiert Helle Einemann-Gräbert. In kurzen Filmen zeigten ihre Schüler der BBS, wie ihnen Niederdeutsch bei der täglichen Arbeit mit Alten hilft. Platt ist an der BBS Wildeshausen seit diesem Jahr Pflichtfach geworden. Einzigartig bisher! Aber auch einige Krankenhäuser greifen auf Plattdeutsch zurück. So die Asklepios-Klinik in Hamburg oder die Euregio-Klinik Nordhorn, die auch in anderen medizinischen Situationen erleben, wie nützlich es ist, auf die Muttersprache zurückgreifen zu können. Die kann auch russisch, türkisch oder vietnamesisch sein. Es kommt darauf an, welche Sprache zuerst erworben wurde.

Auch Sorbisch ist eine solche Erstsprache, erzählte die Leiterin des sorbischen Altenpflegeheims Dom swj. Ludmile in Chrósćicy/Crostwitz Mónika Wenclowa/Wenzel. Zwar erfolgt die medizinische Dokumentation hier auf Deutsch, sonst ist Sorbisch der alltägliche Brückenbauer zwischen Pflegern und den BewohnerInnen. Das Pflegeheim im heutigen Kerngebiet der Obersorben in Sachsen ist eines der Best-practise-Beispiele, wo ca. 85% der MitarbeiterInnen auf 85% sorbische BewohnerInnen treffen, und somit die Muttersprache Sorbisch Alltagssprache ist.

Die Muttersprache Niederdeutsch ist in Brandenburg bisher nur im Raum Wittstock im Krankenhaus und in Pflegediensten z.B der AWO im Einsatz. Hier gab es an der Volkshochschule ein „Platt-Diplom für Altenpfleger“. Eine größere Verbreitung ist wünschenswert, darin waren sich die Tagungsteilnehmer einig – auch die anwesenden Politiker von der Bundestagsabgeordneten Kirsten Tackmann bis zum Staatssekretär im Gesundheitsministerium Andreas Büttner. Dieser machte Spielräume in der Ausbildung für Niederdeutsch oder Sorbisch aus und möchte das Kompetenzzentrum Demenz einbeziehen.

Hilfreich für alle Tagungsbesucher dürfte das Erinnerungsbuch „Weetst du noch?“ sein, das der Bundesrat für Niederdeutsch gemeinsam mit der Oldenburgischen Landschaft herausgebracht und in Wittstock vorgestellt hat. Das Erinnerungsbuch möchte als eine kleine Hilfe für erste Schritte in der muttersprachlichen Begegnung und Kommunikation mit Pflegebedürftigen dienen. Alte Schwarz-Weiß-Fotografien, die typische Szenen von früher zeigen, bieten Anlass zum Gespräch. Vokabeln zu dem jeweiligen Thema sowie kurze Beschreibungstexte werden als Hilfestellung für das Pflegepersonal angeboten.

Die Veranstaltung wurde gefördert mit Mitteln des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg.

Weitere Informationen: 

Pressemitteilung des Vereins für Niederdeutsch im Land Brandenburg: Trüchdenken-Besinnen-Vertellen mit dem Erinnerungsbuch
Pressemitteilung des Niederdeutschsekretariats: Tagung „Plattdüütsch in de Pleeg“ am 3. Mai in Brandenburg

titulny wobraz: Tagung "Plattdüütsch in de Pleeg" in Wittstock am 3.5.2019; Foto: Astrid Flügge, Verein für Niederdeutsch im Land Brandenburg

Vorstellung des Erinnerungsbuches "Weetst du noch?" durch Marianne Ehlers und Heinrich Siefer vom BfN; Foto: Astrid Flügge, Verein für Niederdeutsch im Land Brandenburg
Mónika Wenclowa/Wenzel zum Thema Muttersprache im sorbischen Pflegeheim in Chrósćicy/Crostwitz; Foto: Niederdeutschsekretariat
Tagung "Plattdüütsch in de Pleeg"; Foto: Astrid Flügge, Verein für Niederdeutsch im Land Brandenburg
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