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Beschluss zur Wiedererrichtung eines Bismarck-Denkmals bei Bautzen sorgt bei sorbischen Institutionen und der Bevölkerung für Diskussionen und Protest

19.10.2021

Der Bautzener Stadtrat hat in einem Beschluss der Wiedererrichtung eines Bismarck-Denkmals auf dem Czorneboh bei Bautzen/Budyšin zugestimmt. Seitens der sorbischen Institutionen und Bevölkerung stößt dieser Beschluss auf Ablehnung und Protest.
So reagierte das Sorbische Institut/Serbski institut mit der Veröffentlichung eines offenen Briefes:   

Mit Bestürzung und Unverständnis nehmen wir den Beschluss des Hauptausschusses des Bautzener Stadtrats vom 6. Oktober 2021 zur Kenntnis, der die Wiedererrichtung eines Denkmals für Otto von Bismarck auf dem Czorneboh beinhaltet (Sächsische Zeitung, Ausgabe Bautzen vom 8. Oktober 2021, S. 15).

Als in Bautzen ansässiges Forschungsinstitut mit zahlreichen Kooperationspartnerschaften im In- und Ausland distanzieren wir uns ausdrücklich von dieser Entscheidung, die aus unserer Sicht von beispielloser Geschichtsvergessenheit zeugt. Der Beschluss hebt eine historische Persönlichkeit auf den Sockel, die nicht im Geringsten als positiver Bezugspunkt der Erinnerungskultur einer demokratischen, solidarischen und weltoffenen Gesellschaft taugt. Für eine Kommune, die sich zum jahrhundertelangen Miteinander von Deutschen und Sorben bekennt und die sich darüber hinaus als historischer Ort des europäischen Austauschs und der Verständigung versteht – zuletzt aus Anlass des 1000-jährigen Jubiläums des Bautzener Friedens (2018) –, ist diese Entscheidung ein vollkommen aus der Zeit gefallener, schädlicher Akt.

Otto von Bismarck war preußischer Ministerpräsident und Kanzler des Norddeutschen Bundes sowie des Deutschen Reichs. Als solcher bestimmte er die preußisch-deutsche Politik in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts maßgeblich. Es war die Politik eines autoritären, nationalistischen Obrigkeitsstaats. Bismarck vertrat nach außen „Blut und Eisen“ und nach innen „Zuckerbrot und Peitsche“. Mit kalkulierten Aggressionen diffamierte er ganze Bevölkerungsgruppen als „Reichsfeinde“ und ging mit äußerster Härte gegen sie vor. Abwechselnd richtete sich Bismarcks Politik gegen Katholiken, Liberale, Sozialdemokraten sowie nationale Minderheiten. Wer die Sozialpolitik Bismarcks rühmt, darf den Kulturkampf und die Sozialistengesetze nicht verschweigen; wer die Reichsgründung betont, soll auch vom Großmachtstreben und der Kolonialpolitik Bismarcks reden.

Bei den nationalen Minderheiten zielte der Bismarckstaat auf kompromisslose Germanisierung. „Haut doch die Polen, daß sie am Leben verzagen; ich habe alles Mitgefühl für ihre Lage, aber wir können, wenn wir bestehn wollen, nichts andres thun, als sie ausrotten; der Wolf kann auch nicht dafür, daß er von Gott geschaffen ist, wie er ist, und man schießt ihn doch dafür todt, wenn man kann.“, schrieb Bismarck 1861 an seine Schwester. Die preußische Politik gegenüber sorbischen, polnischen, dänischen und französischen Staatsbürgern war durch permanentes Misstrauen und anhaltende Repressionen gekennzeichnet: von der Verdrängung und dem Verbot ihrer Sprachen im öffentlichen Raum (namentlich im Schulunterricht), der Überwachung und Inhaftierung bis hin zur Enteignung und Ausweisung einzelner oder ganzer Gruppen.

Es ist alarmierend, wenn ein Verein, der bislang offenbar vor allem im Rahmenprogramm von AfD-, Pegida- und Querdenken-Versammlungen aufgefallen ist, ausgerechnet mit dem Angebot eines Bismarck-Denkmals auf offene Ohren bei Teilen des Bautzener Stadtparlaments stößt. In einer Zeit, in der die deutsche Erinnerungskultur gerade mit Blick auf das Kaiserreich an vielen Orten grundlegend hinterfragt wird, stimmen sie ohne jeglichen Anlass und ohne Debatte der Wiedererrichtung eines Denkmals zur Verehrung des „Eisernen Kanzlers“, geschmückt mit Pickelhaube und Eisernem Kreuz, zu. Dies ist ein verstörendes Signal an alle, die sich für ein demokratisches und weltoffenes Bautzen einsetzen. Und es gefährdet das Verhältnis zu unseren Nachbarn erheblich.

Wir warnen nachdrücklich vor diesem Trojanischen Pferd, das sich rasch als Kult- und Gedenkort für Rechtsextreme, Reichsbürger und sonstige Demokratieverächter erweisen könnte. Die historische Auseinandersetzung mit Otto von Bismarck gehört nicht an ein touristisches Ausflugsziel. Sie gehört an Schulen, Museen, Bildungs- und Forschungseinrichtungen.

(Quelle: Sorbisches Institut/Serbski institut)

Auch die Domowina - Bund Lausitzer Sorben zeigt sich bestürzt: der Vorsitzende Dawid Statnik schrieb einen Brief an den Oberbürgermeister der Stadt Bautzen/Budyšin, Alexander Ahrens.

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