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Erste Enzyklopädie des Völkermordes an den Sinti und Roma geplant - Dr. Karola Fings im Interview

14.09.2020

Heidelberg. Entrechtet, verfolgt, systematisch ermordet: Rund eine halbe Million Sinti und Roma fielen dem Völkermord während des Nationalsozialismus zum Opfer. Das Wissen darüber ist bis heute noch stark fragmentiert. Es dauerte Jahrzehnte, bis der Völkermord an der Minderheit überhaupt anerkannt wurde. Ein neues, internationales Forschungsprojekt an der Forschungsstelle Antiziganismus der Universität Heidelberg will nun das historische Wissen zum nationalsozialistischen Völkermord an den Sinti und Roma in Europa zusammenführen. Dr. Karola Fings leitet die fünfjährigen Forschungsarbeiten an der "Enzyklopädie des Völkermordes" – ausgestattet mit einer Förderung in Höhe von 1,2 Millionen Euro vom Auswärtigen Amt. Wieso dieses Projekt ein Meilenstein in der Geschichtswissenschaft ist – und weshalb Sinti und Roma heute noch immer ausgegrenzt und diskriminiert werden, berichtet die Historikerin im Interview.

Frau Fings, herzlichen Glückwunsch zu 1,2 Millionen Euro.

Danke. Ja, das ist toll. Vor allem, weil die Förderung auch zeigt, dass das Auswärtige Amt sofort die immense Bedeutung dieses Projektes anerkannt hat. Es hat sich über die Generationen im Hinblick auf die Aufarbeitung des NS-Völkermordes viel getan.

Bundeskanzler Helmut Schmidt erkannte den Völkermord der Nationalsozialisten an den Sinti und Roma erst im Jahr 1982 an. 2012 wurde das Denkmal für die ermordeten Sinti und Roma in Berlin eingeweiht. Wieso hat das so lange gedauert?

Weil die für den Völkermord Verantwortlichen nach 1945 es geschafft haben, wieder in ihre alten Positionen zu kommen. Sie behaupteten, es hätte keine systematische Verfolgung der Sinti und Roma gegeben. Die Diskriminierung ging daher auch nach 1945 weiter. Opfer wurden diffamiert und kriminalisiert. Und die Täter etablierten diese Deutung. Sie war Konsens in der Gesellschaft und wurde von der Verwaltung und der Justiz gestützt. Das ist ein sehr beschämendes Kapitel der bundesdeutschen Geschichte.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Eine Auschwitz-Überlebende wollte sich nach 1945 das "Z" für "Zigeuner", das deportierten Sinti und Roma im Vernichtungslager Birkenau tätowiert wurde, entfernen lassen. Die Krankenkasse hat den Antrag auf Kostenübernahme abgelehnt mit der Begründung, es handle sich dabei um eine Schönheits-OP.

Wann begann denn die wissenschaftliche Aufarbeitung des Völkermordes?

Der Umschwung begann mit dem Entstehen der Bürgerrechtsbewegung in den siebziger Jahren. Der Hungerstreik der Sinti an der KZ-Gedenkstätte Dachau 1980 hat viel bewirkt, auch in der öffentlichen Wahrnehmung – und das ist erst 40 Jahre her. Mit dem Entstehen des Dokumentationszentrums in Heidelberg wurden schließlich immer mehr wissenschaftliche Studien veröffentlicht. Das war auch die Zeit, in der Überlebende des Völkermordes ermutigt wurden, öffentlich aufzutreten und darüber zu sprechen. Das erforderte tatsächlich viel Mut. Sinti und Roma, die sich "outeten", erfuhren berufliche und persönliche Nachteile. Bis heute geschieht es in der Bundesrepublik, dass Sinti oder Roma zum Beispiel verbal angegriffen werden mit: "Dich hat man vergessen, zu vergasen."

Ein Blick in die Gegenwart: Sinti und Roma werden weiter mit seit dem Mittelalter tradierten Vorurteilen belegt. Laut verschiedenen Umfragen empfinden viele Deutsche eine direkte Nachbarschaft mit Sinti und Roma als "eher oder sehr unangenehm".

Leider ist die Stigmatisierung von Sinti und Roma als kriminell, arm, nicht integrationsfähig – man will ja gar nicht alle Vorurteile aufzählen – noch immer absolute Normalität. Deshalb ist es umso wichtiger, auch durch die Enzyklopädie ein kritisches Geschichtsbewusstsein zu etablieren und zu erreichen, dass die Fakten zur Kenntnis genommen werden. Nur so kann begriffen werden, welche Dimension diese Verbrechen hatten und wer beteiligt war. Denn wenn der SS-Arzt Mengele in Auschwitz an der Rampe steht und entscheidet, wer getötet wird und wer nicht, kann er das nur deshalb tun, weil er in der Mitte einer Gesellschaft steht, die das trägt. Es gab gerade in Bezug auf "Zigeuner" eine große Dynamik und Bereitschaft, die Deportation in Lager zu unterstützen – in ganz Europa. Diese Dimension der Verbrechen muss deutlich werden. Und wie bereits gezeigt, war der Rassismus nach 1945 nicht vorbei.

War das auch ihre persönliche Motivation als Historikerin, sich mit dem Thema zu befassen?

Tatsächlich war es vor allem die Tatsache, dass die Diskriminierung nach 1945 so extrem weiterging. Ich kam während des Studiums 1988 auf die Thematik. Damals wollte die Stadt Köln für Roma-Flüchtlinge aus Jugoslawien ein bewachtes und umzäuntes Containerlager einrichten. Ausgerechnet die Stadt, die 1935 das erste "Zigeunerlager" im Deutschen Reich eingerichtet hatte, von wo aus dann 1940 die Deportationen erfolgten. Das war vollkommen in Vergessenheit geraten. In dem Zusammenhang traf ich zum ersten Mal eine der Überlebenden dieses Lagers. Ihre Verfolgungsgeschichte hat mich ebenso berührt wie mich die fortgesetzte Diskriminierung aufgebracht hat.

Worin liegt die besondere Bedeutung der Enzyklopädie?

Der Ansatz ist, durch die Enzyklopädie das vorhandene Wissen zusammenzutragen und das Thema stärker in der Wissenschaft zu verankern. Aber auch die gesellschaftliche Bedeutung ist nicht zu unterschätzen. Denn der große Unterschied zur Fachliteratur besteht darin, dass sich eine Enzyklopädie in die Breite der Gesellschaft öffnet. Zumal sie zunächst online veröffentlicht wird. So werden Barrieren abgebaut. Das ist tatsächlich ein Meilenstein.

Ist die Enzyklopädie nun so etwas wie die Krönung ihrer Karriere?

Es ist ein Mammutprojekt – das wir jetzt brauchen und von dem ich überzeugt bin. So eine Enzyklopädie gehört in jede Bibliothek. Sie ist auch eine Würdigung der Opfer.

Wie wird das Werk aufgebaut sein?

Wie eine klassische Enzyklopädie mit Stichworten zu verschiedenen Themen, Ereignissen und Orten. Es wird aber etwa auch Biografien von Opfern und von Tätern geben. Grundsätzlich wird das zurzeit vorhandene Wissen präsentiert. Es gilt aber auch, die großen Forschungslücken zu benennen. Gerade in der europäischen Dimension gibt es nirgendwo verlässliche Arbeiten über die Vielgestaltigkeit des Völkermordes an den Sinti und Roma. So wird es beispielsweise Länderübersichten geben, die die Verfolgung und Diskriminierung der Sinti und Roma in vielen verschiedenen Ländern Europas aufzeigen. Dazu werden viele verschiedene Kolleginnen und Kollegen beitragen.

Die Quellenlage in Bezug auf die Geschichte der Sinti und Roma gilt als unzureichend. Ist das ein Problem für die Enzyklopädie?

Wir arbeiten mit allen Quellen, die eben zugänglich sind. Natürlich wird zunächst auch bereits vorhandene Forschungsliteratur ausgewertet. Es handelt sich bei der Enzyklopädie ja um eine Gesamtschau dessen, was bereits erforscht ist und was nicht. So kann sie auch eine Ermunterung sein, weitere Forschungen voranzutreiben. Vor allem aber geht es nicht darum, für alle Zeit gültiges Wissen festzuschreiben. Durch das Online-Format ist die Enzyklopädie auch offen für Veränderungen und Erweiterungen.

Das klingt nach einem Projekt für den Rest des Lebens.

Ich will die Enzyklopädie bis 2025 aufbauen. Damit ist mein Arbeitsleben aber noch nicht zu Ende, es wird weitere Ideen geben! Es wäre aber schön, wenn die Enzyklopädie weitergeführt wird.

Das Interview führte Anica Edinger.

(Quelle: Interview mit Dr. Karola Fings in der Rhein-Neckar-Zeitung vom 13.09.2020)

17 Jahre lang war Karola Fings die stellvertretende Leiterin des NS-Dokumentationszentrums der Stadt Köln. Nun arbeitet sie an der Heidelberger Forschungsstelle Antiziganismus am Projekt „Enzyklopädie des NS-Völkermordes an den Sinti und Roma in Europa“. Foto: Rothe
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