Ruth Kircher (links) hat Wurzeln in der nordfriesischen Minderheit und langjährige Forschungserfahrung mit Minderheitssprachen. (Foto: ECMI)
04/07/2023

Europäisches Zentrum für Minderheitenfragen setzt Friesisch als neuen Forschungsfokus

Das ECMI möchte sich mit der Weitergabe der friesischen Sprache in Familien beschäftigen.

Seit fast 27 Jahren beschäftigen sich die Forscher*innen des Europäischen Zentrums für Minderheitenfragen (ECMI) in Flensburg mit Minderheitenthematiken in ganz Europa. Gründungsgedanke war es, das hiesige Miteinander der Minderheiten und Mehrheiten als Best-Practice-Beispiel zu nutzen und den Blick auf andere, stärker konfliktbehaftete Minderheitensituationen zu richten. Nun ist es wieder im Interesse des Forschungszentrums, seine direkte Umgebung mehr zu erforschen, denn auch diese hat sich in den letzten Jahren stark verändert und steht vor neuen Herausforderungen. So auch das Friesische.

Dafür hat sich das ECMI eine hochkarätige Expertin ins Team geholt. Die Soziolinguistin Dr. Ruth Kircher beschäftigt sich seit über 20 Jahren mit Mehrsprachigkeit und Minderheitensprachen. Sie kommt ursprünglich aus Köln, hat aber familiäre Wurzeln in der nordfriesischen Minderheit. Seit April 2023 ist sie als Wissenschaftlerin im Forschungscluster „Dänisch – Deutsche Minderheitenfragen“ tätig, welches sich mit Fragestellungen zu allen vier in der Grenzregion lebenden nationalen Minderheiten beschäftigt. Dies schließt außer den Nordfriesen auch die Sinti und Roma und die dänische Minderheit in Deutschland sowie die deutsche Minderheit in Dänemark ein.

Bevor sie zum ECMI kam, war Ruth Kircher unter anderem an der McGill University in Montreal sowie der University of Birmingham und der Liverpool Hope University tätig. Sie hat wissenschaftliche Abschlüsse von der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg, der University of Durham und der Queen Mary University of London. Sie ist affiliierte außerordentliche Professorin an der Fakultät für Psychologie der Concordia University in Montreal und affiliiertes Mitglied des Canadian Centre for Studies and Research on Bilingualism and Language Planning (CCERBAL) an der University of Ottawa. Kircher erhielt bereits Forschungsstipendien und Drittmittel aus Kanada, Großbritannien und den Niederlanden. Ihre wissenschaftlichen Veröffentlichungen wurden von renommierten Verlagen wie der Cambridge University Press veröffentlicht.

Das Friesische ist schon länger einer von Ruth Kirchers Forschungsschwerpunkten. Am Mercator European Research Centre on Multilingualism and Language Learning / Fryske Akademy in Leeuwaarden erforschte sie zum Beispiel sogenannte „new speakers“ des Westfriesischen – Menschen, die nicht mit der Minderheitensprache aufgewachsen sind, sondern sich als Erwachsene dazu entschlossen haben, diese zu lernen. Auf den Forschungsergebnissen basierend entwickelte sie Unterrichtsmaterialien, welche die „new speakers“ dazu ermutigen, das Westfriesische auch im Alltag verstärkt anzuwenden. Zusammen mit einer Kollegin von der Allgemeinen Friesischen Bildungskommission (Afûk) erstellte sie darüber hinaus eine Kampagne zur Förderung des Minderheitensprachgebrauchs.

Die gesammelte Forschungserfahrung in Europa und Nordamerika brachte Kircher sowohl thematische als auch methodische Expertise in Bezug auf Mehrsprachigkeit und Minderheitensprachen ein, welche sie nun für ihr aktuelles Forschungsprojekt am ECMI nutzen kann. Dieses beschäftigt sich mit der Weitergabe des Nordfriesischen innerhalb der Familie und der Frage, warum die Minderheitensprache in einigen Familien weitergegeben wird – und in anderen nicht. Insbesondere die Faktoren, die eine intergenerationale Weitergabe der Sprache begünstigen, sollen ermittelt werden. Ebenfalls soll herausgefunden werden, welche Ressourcen Familien benötigen, um ihre Kinder mehrsprachig mit Deutsch und Nordfriesisch großzuziehen. Kirchers letztes Forschungsprojekt befasste sich mit diesen Themen in der kanadischen Provinz Quebec, wo unterschiedlichste sprachliche Minderheiten aufeinandertreffen. Diese kollaborative Studie führte insgesamt die Befragung von mehr als 1000 Teilnehmer*innen durch. Die eigens dafür entwickelten Forschungsmaterialien sowie die gewonnenen Erkenntnisse werden für das kommende Projekt zum Nordfriesischen von elementarer Bedeutung sein: „Wir warten noch auf einen wichtigen Baustein, der die Studie komplementiert. Sobald dieser da ist, kann es losgehen,“ so Ruth Kircher.

Das neue Projekt ist für zwei Jahre angelegt und wird mit anderen Forschungsinstitutionen, wie dem Nordfriisk Instituut und dem Institut für Frisistik und Minderheitenforschung der Europa-Universität Flensburg, zusammenarbeiten. Die Forschungsergebnisse von Kirchers erstem Projekt am ECMI bieten eine wichtige Grundlage für die effektive Unterstützung und Förderung der Weitergabe des Nordfriesischen innerhalb der Familie; sie sollen langfristig zum weiteren Erhalt und der Revitalisierung dieser Minderheitensprache beitragen. Mehr Informationen zu Ruth Kircher und dem Dänisch-Deutsch Forschungscluster hier.

(Quelle: Pressemitteilung ECMI, 03.07.2023)